Goran

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Die Geschichte von Goran

Ich habe mit meinem Kumpel auf dem Spielplatz abgehangen, uns war total langweilig. Ich habe gesagt, „Der Nächste, der vorbei kommt und uns nicht gefällt, kriegt eins aufs Maul!“ Da kam einer vorbei, mit bunten Klamotten und einer komischen Frisur: Mein Kumpel rief: „Bist du schwul oder was!?“

Der Typ ging weiter, ohne uns zu beachten. Das hat mir gestunken, da bin ich auf ihn los. Ich habe ihm gerade eine reingehauen, als ich schon die Hand des Polizisten auf meiner Schulter hatte: Irgendjemand hatte die Polizei angerufen. Wir wurden mit zur Wache genommen und unsere Personalien wurden überprüft. Mein Kumpel wurde von seinen Eltern abgeholt, meine waren nicht zu erreichen. Weil es schon so spät war, haben die mich in den Jugendnotdienst gefahren.

Ich saß im Wartezimmer und war wütend: auf die Polizei, auf diesen Typen, auf alles. Und reden wollte ich nicht, was gab es da zu reden. Ich habe mir meine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Eine Sozialarbeiterin kam in den Warteraum und setzte sich zu mir.

Ich habe nicht hoch geguckt. Sie sollte merken, dass ich keinen Bock auf ihr Gelaber hatte. Sie fragte mich, ob ich mich beraten lassen wollte. Ich habe nicht geantwortet. Sie ließ aber nicht locker, ich sollte mir erst anhören, wo ich bin und was sie für mich tun könnte, dann könnte ich immer noch entscheiden, ob ich mir helfen lassen will oder nicht.

Also bin ich mit ins Beratungszimmer. Anstatt mich auszumeckern, fragte sie mich, wie es mir geht. Ich habe immer noch nichts gesagt. Da hockte sie sich plötzlich vor mich hin und lächelte mich von unten an und fragte: “Ist jemand zu Hause?“ Da musste ich lachen.

Ich kenne das gar nicht, dass es jemanden wirklich interessiert, wie es mir geht. Sie wollte das echt wissen und fragte weiter und weiter: Ob ich oft wütend bin? Ob ich oft Langeweile habe? Und, und, und.

Dann sagte sie, sie müsse versuchen, meine Eltern zu erreichen, die hätten das Recht zu erfahren, wo ich bin. Sie könne mich erst gehen lassen, wenn meine Eltern da sind, um mich in Empfang zu nehmen. Wenn aber etwas dagegen spricht, dass ich nach Hause gehe, soll ich ihr das sagen. Da habe ich angefangen zu zittern. Habe das selber gar nicht gemerkt, aber sie. Hat mich gefragt, wovor ich Angst habe.

Die Frage saß! Plötzlich konnte ich reden; über meinen Vater und wie schnell er sauer wird und zulangt. Dass er nur meine Mutter und mich schlägt, nicht meinen kleinen Bruder. Dass man nie weiß, in welcher Laune er ist, wann man was Falsches sagt oder tut. Dass es schon immer so war, naja, solange ich mich erinnern kann, jedenfalls.

„Und was wünschst du dir? Willst du, dass sich das ändert?“ fragte sie mich. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, dass sich das ändern könnte. Hatte mich schon dran gewöhnt. Ich wollte, dass sich das ändert. Dass meine Mutter und ich keine Angst mehr haben müssen vor meinem Vater. Ich wollte aber nicht, dass sie schlecht von meinem Vater denkt, also habe ich ihr gesagt, dass er uns liebt und für uns arbeiten geht und dass ich auch viel Mist baue. Sie meinte, das könne alles sein, aber das mit dem Schlagen muss aufhören.

Sie wollte von mir wissen, ob ich nach Hause zurück will oder lieber eine Weile von zu Hause weg bleiben möchte. Ich habe mich entschieden wegzubleiben, bis sich etwas geändert hat. Seitdem lebe ich in einer Kriseneinrichtung. Ich sehe meine Eltern regelmäßig bei Gesprächen mit meinem Bezugsbetreuer.

Mein Vater hat versprochen sich zu ändern, weil er uns nicht verlieren will. Er muss an einem Anti-Gewalttraining teilnehmen und lernen mit seiner Wut umzugehen. Meine Mutter hat mit einer Psychologin Gespräche, sie möchte lernen, wie sie sich und uns Kinder vor Gewalt schützen kann. Sie hat meinem Vater gesagt, dass sie sich trennen wird, wenn er sie oder mich noch mal schlägt.

Und ich? Ich will mich auch ändern. Ich will kein Vater werden, der seine Kinder schlägt. Mein Bezugsbetreuer findet, das ist ein schönes Ziel. Ich glaube, ich bin auf dem richtigen Weg.